Chemiepark Marl
Chemiebaukasten mit Tradition
Seine wahre Größe offenbart sich wahrscheinlich am besten aus der Luft: Das mehr als sechs Quadratmeter große Areal des Chemieparks Marl beherbergt rund 100 Produktionsanlagen, die größtenteils rund um die Uhr in Betrieb und stofflich wie energetisch miteinander verbunden sind. Schachbrettartig überziehen Felder mit unzähligen Rohren, Schornsteinen und Gebäuden das Gelände. Was 1938 als Chemische Werke Hüls GmbH begann, hat sich mittlerweile zu einem der größten Multi-User-Standorte in Europa entwickelt. Vier Millionen Tonnen Produkte treten vom nördlichen Ruhrgebiet aus jährlich ihren Weg in die Welt an.
Neue Transportwege
Nach dem Ersten Weltkrieg schöpfte die Ruhrgebietswirtschaft Atem und setzte an zu einer neuerlichen Expansion. Neben der Eisenbahn - 1870 eröffnete die Strecke Recklinghausen-Münster - war für die Region Marl in dieser Entwicklung vor allem ein Datum entscheidend: die Inbetriebnahme des Wesel-Datteln-Kanals im Jahr 1930.
Kautschuk machte den Anfang
Insgesamt drei große Werke für die Produktion synthetischen Kautschuks baute die 1925 gegründete IG Farbenindustrie AG nördlich von Marl - auf Drängen der Nationalsozialisten, die für ihre Rüstungsmaschinerie Unabhängigkeit auf dem Kautschuksektor anstrebten. 1938 gründete die IG Farben gemeinsam mit der Bergwerksgesellschaft Hibernia AG die Chemischen Werke Hüls GmbH, die sich auf die Herstellung des für die Reifenproduktion wichtigen Rohstoffs Buna, einen synthetischen Kautschuk, spezialisierte. Der Krieg allerdings brachte die Produktion beinahe vollständig zum Erliegen. Erst in der Wirtschaftswunderzeit nahm auch die Erfolgsgeschichte des Marler Werkes wieder Fahrt auf.
Konzentration auf Spezialchemie
Vorhandene Strukturen wurden für die Nachkriegsproduktion übernommen, immer mehr Funktionen in den Werken vereint. Mitte der 1980er-Jahre entschloss sich das mittlerweile als Hüls AG agierende Unternehmen, die Schwer- und Grundstoffindustrie aufzugeben und sich der Spezialchemie zuzuwenden. Seit 2007 gehört der Chemiepark zum Industriekonzern Evonik, einem weltweit führenden Unternehmen der Spezialchemie.
Als einziger aktiver Standort der Route Industriekultur liefert der Chemiepark Marl unmittelbare Einblicke in die Welt der chemischen Produktion.
Größter Evonik-Produktionsstandort
Auf dem Gelände des Chemieparks sind heute neben Evonik, ihren Tochtergesellschaften und Beteiligungen 17 weitere Unternehmen angesiedelt. Insgesamt arbeiten auf dem Areal rund 10.000 Menschen. 55 Kilometer Straßen- und 100 Kilometer Schienennetz, 30 Kilometer Rohrbrücken und 1.200 Kilometer Rohrleitungen machen den Chemiepark Marl mit seinen 900 Gebäuden zum größten Produktionsstandort von Evonik. Seinen Energiebedarf deckt die Anlage über zwei eigene Gas- und ein Kohlekraftwerk am Kanal; zudem werden zwei Kläranlagen betrieben. Der Chemiepark ist unter anderem mit einem eigenen Hafen an das europäische Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetz angebunden.
Der Chemiepark Marl ist Standort folgender Themenrouten:
Tipps für Ihren Besuch
Beim Chemiepark Marl handelt es sich - anders als bei den anderen Ankerpunkten - nicht um einen aufgegebenen Industrie-Standort oder ein Museum, sondern um einen der größten aktiven Chemiestandorte in Deutschland. Dementsprechend sind dort die Zugänglichkeit für Besucher und die Führungs-Angebote speziell auf den Standort zugeschnitten, nicht zuletzt im Hinblick auf notwendige Sicherheitsaspekte.
Aktuelle Informationen zum Besucherangebot finden Sie auf der Internetseite des Chemieparks Marl.
Chemiepark Marl
Lipper Weg 235, 45772 Marl
Menschen und Macher: Paul Baumann
Menschen und Macher: Paul Baumann
Paul Baumann
Er war der erste Produktionsleiter und ab 1945 Geschäftsführer und Vorstand der Chemischen Werke Hüls: Paul Baumann, 1897 in Pforzheim geboren, begann seine berufliche Laufbahn bei der BASF AG, die 1923 gemeinsam mit weiteren Chemieunternehmen die I.G. Farbenindustrie gründete. 1938 übernahm Baumann die Leitung der Produktionsbetriebe zur Herstellung von Buna und Ethylenoxid-Folgeprodukten der Chemische Werke Hüls GmbH (ChWH) in Marl, dem Vorläufer des heutigen Chemieparks Marl.
Unter seiner Führung konnte trotz kriegsbedingt schwieriger Umstände 1940 die Buna-Produktion aufgenommen, lange Zeit auf einem hohen Niveau gehalten und nach Kriegsende relativ schnell wieder angekurbelt werden. Als Kommissarischer Geschäftsführer strukturierte er nach 1945 das Werk neu und übernahm ab 1953 den Vorsitz der nun von der GmbH in eine AG umgewandelten Chemischen Werke Hüls. Baumann starb 1976. 1983 wurde in Marl ein Straßenstück am Südtor der vormaligen Hüls AG mit Ratsbeschluss in „Paul Baumann-Straße“ umbenannt.


